YOLO-duly

Lieber Leser,

 

Heute will ich einmal auf ein neues Lebensmotto eingehen. Es nennt sich YOLO
You
Only
Live
Once
Was auf Deutsch übersetzt so viel heisst wie „Man lebt nur einmal“

 YOLO hat in diesem Zusammenhang also wenig mit einer halbfertig gemolkenen Berggeiss mit Aggressionsproblemen aus einem Schweizer Kinderlied zu tun, auch wenn der Titel das suggeriert. Nein, YOLO hat eine etwas tiefer greifende Bedeutung als ein Juuchzer.

 Woher kommt YOLO?

Ich weiss nicht wie es bei Dir aussieht, lieber Leser, aber ich stamme aus der Internet-Generation. Und was macht ein Internet-Kind wenn es einen Begriff nicht so wirklich kennt? Richtig…

CTRL+T, wikipedia.org, und mal fröhlich drauf los stöbern.

Gemäss Wikipedia stammt YOLO aus dem Song „The Motto“ von Drake. Ein Motto also, das von einem kommerziell sehr erfolgreichen (denn über musikalischen Erfolg lässt sich da ja diskutieren) Rapper ins Leben gerufen wurde. Nun gibt es ja diverse Mott… Motten? Motti? Mottos? Naja Du weisst was ich meine – die von Musikern erschaffen wurden, zum Beispiel „Live hard die young“ oder „Sex, Drugs and Rock ´n´ Roll“. Das klingt ja auch alles super, nur bringt‘s dich im Leben nicht so wirklich weiter. Ausser dein Ziel ist der Abgrund…

 Interpretation

Das bringt mich dann auch zur Interpretation von YOLO. Nein, nicht zu meiner, die kommt später. Ich möchte in diesem Abschnitt darauf eingehen, wie die YOLO-Bewegung (kann man das so nennen?) ihr Motto umsetzt. Und das ist ein Trauerspiel, das sag ich Dir…

Denn anstatt mit etwas gesundem Menschenverstand ein Motto in sein Leben einzubauen, verhält sich die heutige Jugend lieber wie fundamentalistische <insert religion here>. Sie legen nämlich ihr metaphorisches Hirn behutsam auf eine Serviette, wickeln es ein, und verstauen es feinsäuberlich in der Schublade. Da zwischen linkem und rechtem Ohrläppchen mittlerweile nicht mehr viel ist ausser ein bisschen Nase, erledigt Facebook den Rest. Weil man ja nur einmal lebt, ist es nämlich ABSOLUT egal was man macht, Hauptsache es macht Spass oder ist lustig. Worin das resultiert fragst Du mich?

http://s17.postimage.org/7tz85hcyn/yolo.jpg

Ich lebe nur einmal, ich habe keine Zeit eine gescheite Ausbildung zu machen!
Sex ohne Verhütung ist einfach schöner, und ich lebe schliesslich nur einmal!

Na gratuliere… Im Endeffekt ist YOLO also nur die Ausrede für Versagen, die Rechtfertigung dafür, einfach immer nur nach der eigenen Lust und Laune zu handeln, auf alles zu scheissen und Konsequenzen solange auszublenden bis man im Knast oder der Gasse landet. Ist ja praktisch…

Da Du immer noch hier bist und dir mein Gelaber anhörst, denke ich, dass du wohl einer derjenigen bist, der mehr zwischen den Ohren hat als Knorpelmasse und etwas Knochen. Also muss ich dir ja nicht sagen dass die YOLO-Typen lachend in ihren eigenen Abgrund rennen.

Leider Gottes ist die These, dass intelligente Menschen diesem Motto fern bleiben, aber falsch. Eine kleine Beobachtung meinerseits hat es mich besser gelehrt.

Letzte Woche Freitag, ich mache mich nach der Arbeit auf den Heimweg. Am Bahnhof fallen mir diverse Flyer am Boden auf, was steht drauf? Natürlich YOLO. Ich denk mir schon dass nun der Irrsinn von den USA zu uns übergeschwappt ist. Dann sehe ich zu allem hin noch zwei junge Leute, ca 18-19 Jahre alt, mit Sporttaschen. Aufschrift: YOLO 07.20.12 oder sowas in die Richtung.
Nun gut, ich mache mir nicht allzu viel Gedanken darüber, meine Gratiszeitung scheint nämlich für einmal einen spannenden Artikel zu enthalten.

Zuhause angekommen erwähne ich gegenüber meinem Mitbewohner beiläufig dass in der Nähe meines Arbeitsplatzes wohl irgendein YOLO-Event ist. Er hat dazu sogar noch Details auf Lager.

Scheinbar ist YOLO das Motto der Maturitätsabschlussfeier des lokalen Gymnasiums. Wie bitte? Ich meine – das ist schliesslich die zukünftige Elite unseres Landes, oder sollte es zumindest sein nachdem sie über das Marihuana hinweg sind. Sind die wirklich dieser Stupidität anheimgefallen? Ich hoffe es nicht…

 Auf der Suche nach einer Erklärung

Was treibt denn eigentlich ganz intelligente junge Menschen dazu, sich mit einer solch verblödeten Bewegung zu identifizieren? Ich bin nämlich grundsätzlich ziemlich überzeugt vom Schweizer Bildungssystem. Also muss es irgendeine Erklärung dazu geben.

 Dann wollen wir doch mal das Motto an sich anschauen, nicht nur das Resultat und die Bewegung. Da scheint sich nämlich doch ein Funken Weisheit zu verstecken.

 Nun, da dies ein neuer Blog ist, kennst Du, lieber Leser, mich ja kaum. Man könnte nun argumentieren dass ja nur Leute die mich kennen den Link hier drauf kriegen, aber lass mir bitte die Illusion dass ich irgendwann wenigstens ein paar wenige Leser habe, die wirklich meinen Blog lesen wollen weil was drinsteht, und nicht nur weil sie sich als meine Freunde bezeichnen. Aber ich schweife ab…

Ich würde mich selber nicht unbedingt als Impulsiv bezeichnen, eigentlich im Gegenteil. Ich wäge sehr oft Entscheidungen ab, habe Bedenken, und verwerfe eigentlich gute Ideen weil ich mir zu viele Sorgen mache. Aus diesem Setting heraus kann ich, für mein ganz persönliches Leben, doch auch etwas ganz brauchbares aus „man lebt nur einmal“ ziehen. Ich denke nämlich, dass ich manchmal etwas unbedachter sein sollte, mir weniger Sorgen machen sollte, und das Leben mal so geniessen wie es mit mir spielt. Ist doch für einen eher prüden Menschen eine ganz gute Überlegung.

 Nun hoffe ich einfach, dass sämtliche Gymnasial-Gradienten (was für ein Wort!) die dieses Motto cool finden, in einer ähnlichen Situation sind wie ich. Wie oben erwähnt laufe ich nämlich keineswegs Gefahr, irgendwelchen unüberlegten Mist zu produzieren und mir dadurch meine Zukunft zu versauen. Im Gegenteil, ich tendiere eher dazu im Alter zu bereuen was ich alles NICHT gemacht habe. Und da hilft mir so ein Grundsatz ja vielleicht mal, meine Bedenken zu überwinden – denn nur wer wagt gewinnt.
Leider bezweifle ich dass das Gros meiner Generation sehr überlegt handelt oder Konsequenzen fürchtet. Und wenn dann da obendrauf mit YOLO auch noch eine Rechtfertigung für sämtlichen Irrsinn bequem zur Hand liegt, dann geht’s steil abwärts.

 Ein Appell zum Schluss

 Mottos, tiefgründige Sätze und Lebensweisheiten sind eine super Sache. Sie helfen zu beschreiben wer wir sind, sie helfen uns an uns zu arbeiten. Aber, lieber Leser, ich habe eine Bitte an dich:

Bitte labere nicht einfach irgendwelche Mottos nach, die auf den ersten Gedanken ganz gut klingen. Überlege Dir, wo Du stehst, und was Du in deinem Leben brauchst um weiter zu kommen. Hinterfrage, ob Du ein Motto wirklich, also so richtig wirklich, gut findest, wie stark es Dein Leben beeinflussen darf, oder ob es einfach nur die Rechtfertigung für ein Verhalten ist, dass Du vielleicht selber gar nicht so gut findest.

 

In diesem Sinne, YOLO! Und das versau mal besser nicht mit schlechten Mottos.

4 Kommentare zu “YOLO-duly

  1. curlydave sagt:

    Hallo Bruder

    YOLO erinnert mich irgendwie an Horoskop-Trivialitäten wie „Passen Sie auf ihr Geld auf“ oder „Wenn sie auf unbekannte Menschen zugehen, können Sie neue Freunde finden.“

    Heisst YOLO eigentlich etwas anderes als „Memento moriendum esse“? Ist genauso trivial, aber legt vielleicht in Anbetracht des eigenen Todes den Akzent auf das, was zutiefst innerlich wichtig ist und nicht auf das, was äusserlich im Jetzt gerade verfügbar ist. YOLO tönt also eher nach Instant-Motto, „wenn ich in jedem Moment maximal glücklich bin, dann habe ich doch das glücklichste Leben, oder?“ (tönt plausibel, oder?) Konsequente, materialistische YOLO-Anwender wären also permanent am rauchen, spritzen und wichsen.

    Hast du den Trickfilm Ratatouille gesehen? Der Restaurantkritiker „Ego“ – der ziemlich postmodern alles andere zerreissen, aber nichts selber produzieren kann – verlangt ein sonderbares Menu: „Ein mal Perspektive, bitte.“ Das fand ich ziemlich repräsentativ für die Situation in den ‚entwickelten Ländern‘. Was kommt denn eigentlich NACH Entwicklung?
    Ich sehe ein so nichtssagendes Motto wie YOLO nicht als Problem der aktuellen Gymnasiasten, sondern unserer Gesellschaft. Wohin wollen wir denn? Welche Werte sind verbindlich für alle? Was gibt es zu entwickeln? Oder ist es gefährlich, klare Werte zu definieren und staatlich zu propag(and)ieren?

    „Ich glaube, das und das ist ist wichtig und deshalb tue ich das und das“ – solche Sätze hören wir in unserem Bildungssystem selten. Dabei wird persönliche Stellungnahme mit Indoktrination verwechselt. Wenn die Erwachsenen aber keine Stellung beziehen, haben die suchenden Teenies auch nichts, was sie annehmen oder ablehnen können. Und können dann auch keine differenzierte Meinung entwickeln und werden wiederum leichter indoktriniert. Damit beisst sich die Katze in den Schwanz.

    „Without vision, people perish“ fängt meines Erachtens ein Stück Wahrheit ein.

    Mein Vorschlag ist deshalb, dass du dich auf ein Motto festlegst und damit lebst. Es sollte möglichst weit sein und dem Inhalt dennoch Wert und Richtung geben, also keine leere Worthülse. Irgendwann wirst du an seine Grenze stossen, dann ist es Zeit, ein weiteres Motto zu finden. Aber du entdeckst seine Grenze erst, wenn du es durchlebt oder durchdacht hast.

    Hier einige Mottos von amerikanischen Universitäten. Vielleicht sind sie inspirierend?
    http://ablemedia.com/ctcweb/consortium/collegeanduniversitylatinmottoes1.html

    Meines ist übrigens u.i.o.g.d.

    Damit besteht zumindest die Möglichkeit, dass es meinem Alltag Wert und Richtung gibt, die Umsetzung ist natürlich Übungssache. Aber ein Motto sollte ja die Spannung zwischen dem Sein und dem Sollen aufzeigen, die grobe Richtung vorgeben und darf durchaus auch mal vergessen werden – unbewusst wirkt es nämlich weiter. Unser Psychophysikum (unser Körper und die psychischen Fähigkeiten wie wahrnehmen, denken, erinnern, etc. , die uns zu Verfügung stehen) blendet das, was uns nicht passt oder interessiert sowieso grosszügig aus.

    So, und jetzt habe ich so eine Spannung in der Magengegend…🙂
    Fortsetzung folgt

  2. Michael sagt:

    YOLO ,
    ist doch wenn man es so will eine auslegungssache von jedem selber.
    Es kann doch auch für jemanden komplett das gegenteil von dem negatieven sachen sein , die hier aufgeführt wurden sind.
    “ You Only Live Once“ kann für den einen , eine „ich scheiß auf alles“ einstellung sein.
    Und für den andern kann es, eine „ich will was erreichen in meinem leben , was ich nur einmal habe“ einstellung sein.
    Es ist einfach eine auslegungssache. Und viel wichtiger ist , dass es ein hype ist. Genau wie musikrichtungen , Künstler ect. .
    Bestes beispiel ist der Hype der vor , wenn überhaupt , 1-2 jahren losging. Das aufeinmal jeder gestürzte kreuze auf shirts , caps, und andern begleidungsstücken hatte. Allgm. bekannt als “ Wasted Youth -cult “ .
    Drake hat das motto in seinem lied. Nur geprägt hat er diese YOLO einstellung nicht. Sie gibt es schon ewig. Er hat sich einfach nur rausgenommen es zu erwähnen und gleichzweitig , in seinem song für sich interpretiert. Und by the way , Drake kann es sich auch erlauben diese einstellung zu haben, da er alles erreicht hat ,logisch scheißt er auf alles und jeden. Aber wer sagt uns das er mit hundert verschiedenen Frauen sex hat? Und zum thema ausbildung : Was brauch er denn eine ausbildung, wenn er mal keine musik mehr machen kann. Hat er def. ausgesorgt.
    Logischer weise nehmen sich die ganzen Tumblr – Kids, dieses motto zu herzen. Denn was auf tumblr steht und gepostet wird , kann ja nur richtig sein ( ironie)
    Dein beitrag ist def. gut und macht sinn. Nur ist er einfach typisch “ Blog“
    Alles schlecht reden. Negatieve seiten und ansichtsweisen wiedergeben und dabei kein stück über den teller rand geschaut.
    „YOLO“ , muss nicht schlecht sein. Es kommt immer darauf an welche person mit welchem Charakter und welcher denkweise sich diesem motto verschreibt. Denn wer weis das er nur einma lebt macht auch was daraus. Das negatieve image kommt nur durch visuelle wiedergabe von bestimmten personen, ( FB, Tumble ect. pp. ) deren leben nur aus party besteht.
    MfG.

    • Hallo Michael und danke für Deinen Kommentar.

      Ich habe eigentlich versucht im 2. letzten Abschnitt noch zu erwähnen, dass ich eigentlich für mich persönlich wirklich etwas aus YOLO herausziehen kann was ganz brauchbar ist. Könnte allerdings verstehen, wenn das im zugegebenermassen sehr ironischen Unterton des Artikels irgendwie untergegangen ist😉

      Auf jeden Fall sind solche Mottos immer auf die einzelne Person zugeschnitten zu beurteilen, denn es ist ja bekanntlich keiner gleich wie der Nächste, da sind wir uns Einig.

      • Michael sagt:

        Hey,
        danke für die Antwort…

        Wenn das so ist dann hab ich das sicherlich falsch verstanden oder falsch aus dem text rausgezogen.
        Mein Fehler.

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